Backflip 1: Danzig 1. Weltkrieg

Meine Mut­ter war sechs oder sie­ben Jahre alt, als ihr Bru­der an einem Blind­darm­durch­bruch starb. „Warum der Junge! Warum nicht eines der Mäd­chen!“ Zu wem sprach meine Groß­mutter? Zu Gott? Wer diese Worte hörte, war meine Mut­ter. Nichts in ihrem Leben hat die­ses Ver­dikt je zurück­ru­fen kön­nen. Die Lehre, die sie für ihr Leben dar­aus zog und an mich wei­ter­gab, war: Frauen gel­ten weni­ger als Män­ner. Effie Briest, die tra­gi­sche Haupt­fi­gur aus Theo­dor Fon­ta­nes gleich­na­mi­gem Roman über die Gesell­schaft Preu­ßens im Kai­ser­reich, hörte einen ver­gleich­ba­ren Satz, als sie an einem 3. Juli Mut­ter eines Mäd­chens gewor­den war: „Dok­tor Han­ne­mann pat­schelte der jun­gen Frau die Hand und sagte: »Wir haben heute den Tag von König­grätz; schade, dass es ein Mäd­chen ist. Aber das andere kann ja nach­kom­men, und die Preu­ßen haben viele Siegestage«“.

Familienfoto

Auf einem sepia­dunk­len Fami­li­en­foto tra­gen die Mäd­chen karierte Klei­der und weiße Schlei­fen im Haar. Meine Groß­mutter, in hoch­ge­schlos­se­ner Spit­zen­bluse, hat den Arm um meine zukünf­tige Mut­ter gelegt. Ich lese aus ihrem Kin­der­ge­sicht ihre Ver­letz­lich­keit. Ich weiß: Sie hat kein glück­li­ches Leben vor sich. Sie wird einen Offi­zier hei­ra­ten und den Krieg als Sol­da­ten­frau mit zuletzt drei Kin­dern in unauf­hör­li­cher Angst über­ste­hen. Der Junge im Matro­sen­an­zug mit auf­ge­stick­tem Eiser­nen Kreuz, der, wäre er nicht so jung gestor­ben, mein Onkel Hein­rich gewor­den wäre, steht mit männ­lich ver­schränk­ten Armen neben mei­nem Groß­va­ter, des­sen Kopf mit stren­gem Mit­tel­schei­tel und hoch gezwir­bel­tem schwar­zem Schnauz­bart aus einem stei­fen Vater­mör­der­kra­gen wächst. Das Foto muss zu Beginn des Ersten Welt­kriegs gemacht wor­den sein, als er noch Fuhr­un­ter­neh­mer in Dan­zig war. Er sieht aus, als ob er Humor habe. Als seine Pferde für den Kriegs­ein­satz beschlag­nahmt wur­den, war er rui­niert. Er selbst wurde bei Ver­dun ver­schüt­tet. Seit­her galt er als Son­der­ling. Ich habe ihn erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg ken­nen­ge­lernt und kann mich nicht daran erin­nern, dass er je mit mir sprach. An ihn und seine Pferde dachte ich, als ich spä­ter in Remar­ques‘ „Im Westen nichts Neues“ las: „Das Schreien dau­ert an. Es sind keine Men­schen, sie kön­nen nicht so furcht­bar schreien … Es ist der Jam­mer der Welt, es ist die gemar­terte Krea­tur, ein wil­der, grau­en­vol­ler Schmerz, der da stöhnt… Einige galop­pie­ren wei­ter ent­fernt, bre­chen nie­der und ren­nen wei­ter. Einem ist der Bauch auf­ge­ris­sen, die Gedärme hän­gen lang her­aus. Es ver­wickelt sich darin und stürzt, doch es steht wie­der auf.“ Das war über den Ersten Welt­krieg. Ich las es nach dem Zweiten. 

Meine Mut­ter, die mich ihr Leben lang nicht los­las­sen wird — bis heute nicht, wie man sieht, denn ich beginne die Erzäh­lung mei­nes Lebens mit ihr — war als preu­ßi­sche Offi­ziers­frau viel­leicht sogar typisch. Die Prin­zi­pien, nach denen sie mich erzog, wichen von der Ideo­lo­gie, die sie ver­in­ner­licht hatte, in kei­nem Detail ab, nur dass an die Stelle des Preußen-​Patriotismus Nazi-​Inhalte getre­ten waren. Nie­mals hätte aus ihr eine Effi Briest wer­den kön­nen, die tra­gi­sche Prot­ago­ni­stin in Theo­dor Fon­ta­nes gleich­na­mi­gem Roman, die ihren dop­pelt so alten Ehe­mann mit dem Major Kram­pas betrügt — dazu war sie zu abge­rich­tet. Der Mann ihrer Lei­den­schaft, mein zukünf­ti­ger Vater, war Offi­ziers­an­wär­ter, geprägt vom offi­zi­el­len Lust­ver­zicht der Kaste. Sechs Jahre lang war­tete sie auf ihn; garan­tiert ohne Sex. „Er hätte mich sonst nicht gehei­ra­tet“, ver­si­cherte sie mir. Mäd­chen, die einen Lieb­ha­ber hat­ten, und dann womög­lich noch einen und noch einen, nann­ten Män­ner wie mein Vater „Rund­rei­se­bil­lett“. Hei­rats­aus­sich­ten gleich null. Sie war­tete und sti­chelte Mono­gramme in ihre Ser­vi­et­ten, die ich aus einer Art Aussteuer-​Treue über­nom­men habe und täg­lich benutze. Meine Mut­ter war ein Bür­ger­mäd­chen, das ein wohl­ha­ben­der Paten­on­kel mit Klei­dern und Zube­hör aus­stat­tete, um ihm eine vor­teil­hafte Hei­rat „nach oben“ zu ermög­li­chen. Nicht gerade in den Adel, das war undenk­bar, aber in die ver­hält­nis­mä­ßig offene Inte­gra­ti­ons­schicht von Adel und Bür­ger­tum, das Mili­tär. Es war der Weg, den mein Vater für sich wählte. Meine Mut­ter folgte ihm, indem sie sechs Jahre lang — bis er die Hei­rats­er­laub­nis bekam — auf ihn war­tete und Mono­gramme in ihre Aus­steuer stickte. 

Das kleine Foto­al­bum aus jener Zeit, das sie zwi­schen ihren Brie­fen oder bei ihrem Schmuck auf­be­wahrt haben muss, denn es tauchte erst nach ihrem Tod auf, doku­men­tiert, wie sie war (und ihr Leben lang blieb): Kapri­ziös und immer per­fekt geklei­det. Ich habe mir diese Fotos oft ange­se­hen. H. S., der Mann mit dem ele­gan­ten Auto­mo­bil, wäre eine „gute Par­tie“ gewe­sen, doch zog sie ihm den Offi­ziers­an­wär­ter W.H. vor, der ver­mut­lich das Schnei­dige (und viel­leicht auch Schnei­dende) hatte, das ihr gefiel. Mein Vater, als drit­ter, also nicht erb­be­rech­tig­ter Bau­ern­sohn sollte ursprüng­lich Leh­rer wer­den und drückte nach der dörf­li­chen Volks­schule die Schul­bank der Land­wirt­schafts­schule in der Mari­en­burg hoch über dem alten Ordens­land bis zum Erwerb der mitt­le­ren Reife. In Königs­berg besuchte er eine pri­vate „Vor­be­rei­tungs­an­stalt“ und absol­vierte dort 1930 das Exter­nen­ab­itur. Nun war der Offi­ziers­stand in Reich­weite. Im Dezem­ber 1932 wurde er zum Leut­nant der berit­te­nen Schutz­po­li­zei in Dan­zig ernannt und 1935 zum Ober­leut­nant der Lan­des­po­li­zei beför­dert, ver­mut­lich nach sei­nem Bei­tritt zur NSDAP. Er war zwei­fel­los ein Kar­rie­rist, und so weit es von ihm abhing, nahm er ziel­stre­big und flei­ßig alle Hür­den. Neben dem Poli­zei­dienst absol­vierte er Flug­stun­den. Auch das war vor­aus­schau­end, denn er wollte zur Luft­waffe. Auf dem Flug­schein steht ein fal­sches Geburts­da­tum und kein Vor­name. Hat er damals seine Iden­ti­tät ver­tuscht? Er ließ sich ein­fal­len, über dem Hof sei­ner Eltern, wäh­rend meine Mut­ter dort zu Besuch war, mit einem Sport­flug­zeug zu krei­sen und rote Rosen abzu­wer­fen, bevor er lan­dete. Sie war über­wäl­tigt, auch fünf­zig Jahre spä­ter noch, als sie mir davon erzählte. Einige sei­ner Lie­bes­briefe hat sie auf­ge­ho­ben: Er betete sie an; sie war seine Traum­frau. Wenn eine Fami­li­en­ge­schichte in Bit­ter­keit endet, hat es etwas Tröst­li­ches, fest­zu­stel­len, dass die Eltern sich geliebt haben. 

Nach sei­nem Tod 1980 spra­chen meine Mut­ter und ich zum ersten­mal über Sex (und dass „ver­lo­rene Unschuld“ kein Grund ist, allen Hei­rats­kan­di­da­ten aus dem Weg zu gehen). Sie — eine über 70-​Jährige — gestand mir, dass sie nicht wusste, was ein Orgas­mus ist. Selbst das Wort war ihr ein hal­bes Jahr­hun­dert lang vor­ent­hal­ten wor­den. Wie sollte das gehen: eine glück­li­che sexu­elle Bezie­hung nach sechs Jah­ren Knut­schen in den Dünen? Ich fürchte, mein Vater hat Sexua­li­tät auf preu­ßi­sche Art inter­pre­tiert: als rei­nes Män­ner­ver­gnü­gen. Die Mit­wir­kung der Frau beschränkt sich aufs Seuf­zen. Effi Briest, ver­hei­ra­tet mit einem dop­pelt so alten Mann, hat in den Dünen nicht nur geknutscht. Das war gesell­schaft­lich unver­zeih­lich. Fon­tane ver­säumt nicht, die Bezie­hung Effis zu ihrer Mut­ter aus deren eige­ner Fru­striert­heit zu deu­ten, als eine Päd­ago­gik aus Neid. Sie war alar­miert, als die Toch­ter sich beim Kauf der Aus­steuer für das ehe­li­che Schlaf­zim­mer eine rote Lampe wünschte. Was die Mut­ter nicht hatte, steht auch der Toch­ter nicht zu. Als sechs Jahre nach Ende der Affäre Lie­bes­briefe des Majors ans Tages­licht kom­men, ist die Strafe kol­lek­tiv und total. Effi wird geschie­den. Ihr Kind wird ihr ent­frem­det. Ihre Eltern wen­den sich von ihr ab, sogar ihre Mut­ter, die befürch­tet, andern­falls gesell­schaft­lich boy­kot­tiert zu wer­den; eine Reak­tion, zu der meine Eltern gege­be­nen­falls auch fähig gewe­sen wären. Theo­dor Fon­tane erkennt die Ver­ding­li­chung der Müt­ter und Töch­ter — auch der adli­gen und bür­ger­li­chen — als (geld­wer­tes) Pre­sti­ge­ob­jekt. Wenn ich die Tisch­wä­sche mei­ner Mut­ter mit den ein­ge­stick­ten Mono­gram­men aus dem Schrank nehme, sehe ich sie vor mir über eine Nadel­ar­beit gebeugt. Ver­gli­chen mit dem preußisch-​protestantischen Selbst­ka­stei­ungs­zwang erscheint die Sexua­li­täts­feind­lich­keit der katho­li­schen Kir­che schon fast als Liber­ti­nage. Kein Zwei­fel, dass es sich — unab­hän­gig vom gesell­schaft­li­chen Sta­tus — um ein spe­zi­fisch männ­li­ches Macht­mit­tel han­delte, wie in Fon­ta­nes Schach von Wut­he­now nach­zu­le­sen ist. 

Das Ver­hält­nis mei­ner Eltern zu ihren Kin­dern ist mir bis heute rät­sel­haft. Mit mei­ner Mut­ter war ich, bis sich nach fünf Jah­ren mein erster Bru­der ein­stellte, allein. Ich erin­nere mich an Bastel­stun­den mit Kasta­nien und Streich­höl­zern und daran, dass ich in ihrem Haar manch­mal Zöpf­chen flech­ten durfte. Ich erin­nere mich aber auch, dass sie mich schlug. Warum? Heute behaupte ich, es war der preu­ßi­sche Grund­satz, dass Kin­dern jeder Unge­hor­sam bei­zei­ten aus­ge­trie­ben wer­den müsse. Es ver­steht sich, dass ich Drei- oder Vier- oder Fünf­jäh­rige auch manch­mal unge­hor­sam war. Ich erin­nere mich an den tie­fen Schock, wenn diese Per­son, mit der ich so eng ver­bun­den war, dass ich ihre Angst und ihre Tap­fer­keit glei­cher­ma­ßen spürte, sich plötz­lich in ein bös­ar­ti­ges Mon­ster ver­wan­delte. Ein­mal läu­tete eine Nach­ba­rin, die mich im Vor­bei­ge­hen im Trep­pen­haus hatte schreien hören, an unse­rer Tür. Meine Mut­ter ließ von mir ab. Ich weiß nicht, was sie der Nach­ba­rin sagte, jeden­falls schlug sie mich danach nicht mehr. Viel­leicht hatte ihre eigene Hilf­lo­sig­keit sie in Wut gebracht: Flie­ger­an­griffe rund herum (am Hori­zont sahen wir ein paar Nächte zuvor Würz­burg bren­nen), ein Fla­schen­kind, ein Baby, das sie stillte); nie­mand redet dar­über, was den Müt­tern in sol­chen Situa­tio­nen abver­langt wird. Aber das Schlimm­ste stand uns noch bevor: der Bom­ben­an­griff auf die Kleinstadt.