Mein neuer Blick auf Preußen

Ein Blog von Sybil Wagener

Preu­ßisch ist etwas, das sich nicht gehört, erfuhr ich als Kind; jeden­falls in Bay­ern. „Sau­preiß!“ Ich konnte mit dem Schimpf­wort nicht gemeint sein, denn ich bin in einer vor­preu­ßi­schen, sogar vor­baye­ri­schen Land­schaft auf­ge­wach­sen: im Frän­ki­schen. In der Schule lern­ten wir, dass wir direkt von Karl dem Gro­ßen abstamm­ten. Nur 800 Jahre dazwi­schen. Mein Spitz­name auf der Straße war Pip­pin. Die Stadt­mauer der Klein­stadt Kit­zin­gen war, anders als die in den benach­bar­ten Dör­fern, nur noch teil­weise intakt, doch die Erin­ne­rung ver­sah mich mit früh­mit­tel­al­ter­li­chen Bil­dern, die ich über­all wie­der­erkannte und die vor allen ande­ren Ein­drücken meine euro­päi­sche Iden­ti­tät präg­ten. (Der „Sau­preiß!“ ereig­nete sich ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter und galt dem „Atomkraft-nein-danke“-Aufkleber auf mei­nem in Nord­deutsch­land regi­strier­ten VW. Aber das ist eine andere Geschichte). 

Das Ber­lin, das ich in den 60er-​Jahren ken­nen­lernte, bestand aus den Knei­pen, Klein­gär­ten, Auto­bah­nen und Wohn­tür­men West­ber­lins einer­seits und dem mit roten Fah­nen besteck­ten ehe­mals könig­li­chen Regie­rungs­zen­trum Ost­ber­lins ande­rer­seits. Der Begriff „Preu­ßen“ löste bei mir nichts aus. In mei­nem bay­ri­schen Geschichts­un­ter­richt war zwar der Name vor­ge­kom­men, als Füll­wort für die Koali­tio­nen gegen Napo­leon, als Signum eines auf­ge­lö­sten Deut­schen Rei­ches, aber nicht als poli­ti­sche Macht, mit der man sich beschäf­ti­gen müsste. Preu­ßen gab es nicht mehr. Es gab eine Bun­des­re­pu­blik mit einer unan­sehn­li­chen Haupt­stadt Bonn und, als Ziel von Klas­sen­rei­sen, West­ber­lin inklu­sive Stipp­vi­site im Osten. Die einem Arbeiter- und Bau­ern­staat unan­ge­mes­sene Pracht­straße Unter den Lin­den war es, deren Archi­tek­tur mir eine Vor­stel­lung der ver­gan­ge­nen preu­ßi­schen Macht ver­mit­telte. Wer die Treppe der Staats­bi­blio­thek hin­auf­steigt, ahnt die Uner­reich­bar­keit der Augen­höhe mit jenen, die sich in den Räu­men dahin­ter beweg­ten: Kai­ser, Könige und Hofschranzen. 

Das Preu­ßi­sche prägte mich, ohne dass es in der Fami­lie je beim Namen genannt wurde. In das frän­ki­sche Städt­chen ließ mein Vater, als die Bom­ben­an­griffe auf Mün­chen sich 1944 häuf­ten, seine Fami­lie aus­quar­tie­ren; dort war sein Heimat-​Fliegerhorst, wäh­rend er in Ber­lin im Mini­ste­rium arbei­tete. Wir waren keine frem­deln­den Flücht­linge, son­dern gehör­ten zu einer inte­grier­ten Nach­bar­schaft von Müt­tern, Rent­nern und kampf­un­taug­li­chen NS-​Reservisten, vor allem nach dem Bom­ben­an­griff, der in unse­rer Straße am Stadt­rand jedes zweite Haus getrof­fen hatte. Der Krieg grub die­ses Bild in meine Erin­ne­rung: Flug­zeuge am blauen Him­mel, aus denen sil­berne Pakete fie­len. Den Schreckens­schrei mei­ner Mut­ter: „In den Kel­ler! In den Kel­ler!“ habe ich noch heute im Ohr. Sie lief mit dem Baby vor­aus, unser Mäd­chen, die Ukrai­ne­rin Lena, hatte das Klein­kind an der Hand, ich folgte ihnen. Danach lag die gegen­über­lie­gende Stra­ßen­hälfte in Trüm­mern und viele Kin­der aus der Nach­bar­schaft blie­ben ver­schwun­den. Da unsere Woh­nung intakt geblie­ben war, stellte sich über das Kriegs­ende hin­weg bald wie­der so etwas wie Nor­ma­li­tät ein. So viel Frei­heit hat­ten wir nie zuvor: Im Gebüsch am Rand der Bom­ben­trich­ter Räu­ber und Gen­darm zu spie­len; auf den Schuh­ab­sät­zen Trüm­mer­schutt­hal­den hin­un­ter­zu­rut­schen; bei den ame­ri­ka­ni­schen Last­wa­gen her­um­zu­lun­gern, in der Hoff­ung, einen zuge­wor­fe­nen Rie­gel Scho­ko­lade auf­zu­fan­gen… Ich bin über­zeugt, dass ich in die­ser Zeit das Frän­ki­sche feh­ler­los sprach, das meine Mut­ter mir spä­ter erbar­mungs­los abtrai­nierte. Heute weiß ich, dass ich mit dem Ver­lust der Kin­der­spra­che, ver­stärkt vom Ver­lust der Umge­bung, hei­mat­los wurde: Flücht­ling zwei­ten Gra­des. Die ost­preu­ßi­sche erste Hei­mat der Fami­lie war mir ver­lo­ren gegan­gen, ehe ich mir ihrer bewusst wurde. Das main­frän­ki­sche Kit­zin­gen hätte der Ort sein kön­nen, von dem aus ich unbe­schä­digt ins Leben hätte star­ten kön­nen; es gab dort ein Gym­na­sium, und stu­die­ren konnte man im nahen Würz­burg. Mein Vater machte es vor; er erwarb als Pend­ler einen Abschluss als Bau­in­ge­nieur. Dem häus­li­chen Ter­ror, der das Fami­li­en­le­ben ver­gif­tete, hätte die zivi­li­sierte Umge­bung Gren­zen gesetzt; er ent­fal­tete sich erst rich­tig in Nürn­berg, wo mein Vater die Ver­tre­tung einer Firma für Shed­dä­cher auf­zu­bauen begann. Wir fan­den eine Woh­nung in Gosten­hof, unweit des Justiz­pa­la­stes, in dem kurz zuvor die Nürn­ber­ger Pro­zesse abge­wickelt wor­den waren. In die kleine frän­ki­sche Stadt kehrte ich nach unse­rem Umzug nach Nürn­berg eine Zeit­lang in mei­nen Träu­men zurück. Sie ver­setz­ten mich in ihre Gas­sen, an das Main­ufer, auf die Stu­fen des Kili­ans­brun­nens, unter die Hol­lun­der­bü­sche im Deuster-​Park. Ein paar­mal fuh­ren wir im VW dort­hin, zumal meine Groß­el­tern müt­ter­li­cher­seits nach ihrer Flucht zu uns gekom­men und in Kit­zin­gen geblie­ben waren. xxx

Nürn­berg lag zwar in Fran­ken, aber das Preu­ßi­sche der Lebens­art mei­ner Eltern konnte sich dort bes­ser ent­fal­ten als im wein­stock­ge­säum­ten Main­tal. Nürn­bergs preu­ßi­sche Sug­ge­stiv­kraft drängte sich mir auf, als ich im Geschichts­un­ter­richt zur Kennt­nis nahm, dass der Nürn­ber­ger Burg­graf Fried­rich von Hohen­zol­lern als einer der sie­ben Kur­für­sten zu Anfang des 15. Jahr­hun­derts von Kai­ser Sigis­mund für die Unter­stüt­zung sei­ner Kan­di­da­tur mit der Mark Br anden­burg belohnt­häaueus­li­chen wor­den ist und sich auf sein Geschäft als Lan­des­fürst noch in Nürn­berg vor­be­rei­tete, wo er ein Regi­stra­tur­buch in folio auf Papier anlegte, in wel­chem alle Urkun­den, die er aus­stellte bzw. erhielt, ein­ge­tra­gen wur­den. Diese Registratur- oder wie sie genannt wur­den, Copi­al­bü­cher decken das ganze fünf­zehnte Jahr­hun­dert ab und bil­den die wich­tig­ste Geschichts­quelle die­ser Zeit. Sie befin­den sich jetzt im Gehei­men Staats­ar­chiv in Ber­lin: „Lehn­briefe, Pri­vi­le­gien, doch auch Ver­träge mit ande­ren Lan­des­herrn, Bünd­nisse, Ehe­pac­ten, kai­ser­li­che Begna­di­gun­gen, Ver­pfän­dun­gen von Schlös­sern usw.; jedes Buch umfaßt mei­stent­heils nur eine Pro­vinz… und sie beglei­te­ten die Chur­für­sten auf Rei­sen in diese Pro­vin­zen, z.B. bei Ein­nahme der Hul­di­gung“. FN1 Geschichte des gehei­men Staats- und Cabinets-​Archivs zu Ber­lin. /​/​/​xxx

Nürn­berg Die Poli­tik der ame­ri­ka­ni­schen Besat­zer war nicht auf die Bestra­fung der Zivil­be­völ­ke­rung aus­ge­rich­tet, die viel­mehr umer­zo­gen wer­den sollte, wäh­rend in Nürn­berg die Pro­zesse gegen die Nazi-​Repräsentanten lie­fen. Auf­fäl­lig war für uns Kin­der die Geheim­nis­tue­rei der Müt­ter, das Radio blieb aus­ge­schal­tet, wenn wir anwe­send waren, oft ver­stumm­ten die Frauen und leg­ten die Fin­ger auf den Mund, aber außer dass über­all Jeeps und ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär­last­wa­gen her­um­stan­den und fremde Sol­da­ten her­um­lun­ger­ten, hatte sich unsere Umge­bung kaum geändert.rein äußer­lich nicht viel geän­dert Regi­me­ver­tre­ter rich­tete sich nicht gegen die Zivilb ng, Här­ten, die Unter den Toten meh­re­ren Stock­wer­ken, in dem Nach­barn von Nur mein Hoch­deutsch bewirkte, dass meine Spiel­ka­me­ra­den einen Moment zöger­ten, bevor sie mir ant­wor­te­ten. Nach, dort der Flie­ger­horst Schulhof-​Händel haben meist das For­mat „meh­rere gegen eine(n)“. Glück­li­cher­weise fan­den sich Vert­horst eidi­ger, als ein ver­schwo­re­nes Grüpp­chen mich aufs Korn nahm; eine Demü­ti­gung durch Mit­schü­ler blieb mir erspart. Ich fand sogar einen Weg, Sym­pa­thien zu erwer­ben, indem ich beim weih­nacht­li­chen Krip­pen­spiel aktiv wurde. Im pro­te­stan­ti­schen Fran­ken kämpfte der Katho­li­zis­mus mit sei­nen Ritua­len gegen die Dia­spora, wofür ich bis heute dank­bar bin, denn meine ein­drucks­voll­sten Erin­ne­rungs­bildar jener Zeit sind mit der Weih­nachts­krippe in der katho­li­schen Kir­che und der Fron­leich­nams­pro­zes­sion ver­bun­den, von deren vier Sta­tio­nen eine ganz in der Nähe unse­rer Woh­nung lag. Die Pfingst­ro­sen, die ich beim Abbau des Altars mit nach Hause neh­men durfte, haben mei­ner Mut­ter nicht gefal­len, weil sie stren­ger rochen als Rosen und sich durch bizarre Blatt­ent­fal­tung tage­lang gegen das Ver­wel­ken wehr­ten, vor allem aber, ver­mute ich, weil sie katho­li­scher Her­kunft waren. In den preu­ßi­schen Köp­fen war der Drei­ßig­jäh­rige Krieg noch lange nicht vorbei. 

Meine baye­ri­schen Mit­schü­le­rin­nen hat­ten für das, was mich von ihnen unter­schied, kei­nen Begriff; und da ich nur eine von mre­ren Zuge­zo­ge­nen war, denen ich mich fügte. Meine Groß­el­tern müt­ter­li­cher­seits begrif­fen sich als Unter­ta­nen eines Kai­sers, für den mein Groß­va­ter in den Ersten Welt­krieg gezo­gen war. Ich lernte sie als „Flücht­linge“ ken­nen, die sich nach 1945 in der frän­ki­schen Klein­stadt ein­stell­ten, wo meine Mut­ter mit ihren drei Kin­dern den fina­len Bom­ben­an­griff über­lebt hatte. Die Ver­wen­andt­schaft väter­li­cher­seits, die 1944 unter Zurück­las­sung von Hab und Gut aus West­preu­ßen über D indem äne­mark nach Schleswig-​Holstein geflo­hen war, lernte ich nicht ken­nen; sie „mel­de­ten“ sich zwar bei uns, aber meine Eltern belie­ßen es beim Post­kar­ten­kon­takt. Meist trifft die erwei­terte Fami­lie bei einer Beer­di­gung zusam­men; nicht so bei uns. Hin­ge­gen leb­ten Groß­mutter und Groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits eine Zeit­lang bei uns. An der Trauer mei­ner Groß­mutter Augu­ste nahm ich Anteil, wenn sie mich in das Neben­zim­mer des Wirts­hau­ses mit­nahm, wo ihre Lands­leute sich ver­sam­mel­ten und „Land der dunk­len Wäl­der san­gen“; das war etwas zum Wei­nen und prägte sich mir ein. Ich habe immer mehr erfühlt als ver­stan­den. Dass Tote aus dem Leben ver­schwun­dene Men­schen waren, die ich nie wie­der­se­hen würde, zum Bei­spiel meine Groß­el­tern väter­li­cher­seits, begriff ich. Ich war zu jung, um dar­über nach­zu­den­ken, warum die Ver­wandt­schaft mei­nes Vaters — selb­stän­dige Bau­ern im Ordens­land, ls soziale Auf­stei­ger unaus­lös­bar steck­ten. Sie waren beide ziel­stre­big. Meine Mut­ter hatte Geld gespart; Mün­zen­türm­chen wuch­sen aus­au­ern dem Boden des Klei­der­schran­kes, mit deren Hilfe mein Vater, nach Absol­vie­rung einer Mau­rer­lehre, im nahen Würz­burg ein Stu­dium als Bau­in­ge­nieur abschloss. In Nürn­berg, wohin wir anschlie­ßend zogen, baute er sich eine Ver­tre­tung für Shed­dä­cher auf, die so gut lief, dass meine Mut­ter sich eine Isetta kau­fen konnte. Ich weiß nicht, wer von bei­den den Ent­schluss mei­nes Vaters, sich für die Bun­des­wehr zu bewer­ben, stär­ker vor­an­trieb. meine, er fühlte sich auch al s Zivi­list . steckeer die Spu­rensei­ner frü­hen mie ili­tä­ri­schen Kar­riere Mein Groß­va­ter mein Cou­sin und Spiel­ka­me­rad war aber lange her und weit weg. Nach dem Tod mei­nes Vaters 1980 besuch­ten meine Mut­ter, meine Brü­der und ich den ehe­ma­li­gen Hof der Fami­lie im Dan­zi­ger Wer­der, der seit 1944 von ein­ge­wan­der­ten rus­si­schen Bau­ern bewirt­schaf­tet wird. Ich erkannte das eiserne Tor wie­der, unter dem ich auf dem Bauch krie­chend mit dem Cou­sin in die Frei­heit der Fel­der ent­wischte, doch eine Ver­bin­dung zwi­schen „Preu­ßen“ und mei­ner eige­nen Geschichte stellte sich nicht her. Im KZ Stutt­hof holte meine Mut­ter die Schuld ein, die sie bis­her ver­drängt hatte; sie sagte plötz­lich, sie schäme sich. Man musste meine Mut­ter ken­nen, ihre kalte Distanz, um die­ses Bekennt­nis zu wür­di­gen. Wir schwie­gen. Offen­bar waren meine Brü­der ebenso beein­druckt wie ich. Auf dem Dorf­fried­hof suchte ich die Grä­ber mit unse­ren Namen, und wel­ches das älte­ste war. Da fiel mir auch das Land wie­der ein, aus dem wir kamen: Preußen.

Meine späte preu­ßi­sche „Erleuch­tung“ erfolgte in einem ande­ren Zusam­men­hang, von dem man sagen kann, dass der eph­emere sozia­li­sti­sche Staat auf deut­schem Boden ihn zu benut­zen ver­sucht hat, indem er die Befrei­ungs­kriege für die eigene Geschichts­schrei­bung ver­wer­tete, und sie so mei­nem Inter­esse ent­zog. Ich war aktive 68er-​Generation und hatte den Holo­caust­schock ver­wan­delt in Hass auf „auto­ri­täre Struk­tu­ren“, ins­be­son­dere alles, was Uni­form trug: Mili­tär, Poli­zei. Ich stu­dierte die Geschichte des Volks­auf­stan­des gegen Napo­leon erst Jahre nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung und emp­fand es als histo­risch unan­ge­mes­sen und poli­tisch unge­recht, dass 1947 ein gan­zer Staat, mit Mil­lio­nen von Ein­woh­nern, samt sei­nem Namen und sei­ner Geschichte von der Land­karte gestri­chen wurde, weil man das Staats­volk für die Ver­bre­chen der Nazi-​Clique haft­bar machte, die ihre Macht tota­li­tär begriff und rück­sichts­los auch nach innen durch­setzte. Das feu­dal­staat­li­che Ter­ri­to­rium Preu­ßen weckte nach der Nie­der­lage Begehr­lich­kei­ten, die als poli­tica mas­kiert wur­den. Die recht­li­chen Fol­gen der Kol­lek­tiv­haf­tung sind irrever­si­bel; das heißt, even­tu­elle Rück­ga­be­an­sprü­che kön­nen nicht gel­tend gemacht wer­den. Das ist fast die Regel. Über­all in der Welt behal­ten die Erobe­rer, was sie erobert haben, sonst gäbe es noch mehr Kriege. Von dem Boden, den meine Vor­fah­ren besie­delt haben, waren Jahr­hun­derte zuvor nicht weni­ger grau­sam die Pruz­zen ver­trie­ben wor­den. Und es dachte auch nie­mand in mei­ner Fami­lie daran, eine Rück­gabe zu for­dern oder gar die Wie­der­her­stel­lung der alten Reichs­gren­zen zu ver­lan­gen. Geschichte schafft Tat­sa­chen. Mein Vater brachte sein Preu­ßen­tum, das seine Mili­tär­kar­riere getrig­gert hatte, erst in die Bun­des­wehr, dann in die NATO ein. Was den Preu­ßen in ihm an den ame­ri­ka­ni­schen Kame­ra­den in Fon­taine­bleau irri­tierte, war deren Form­lo­sig­keit. Sie nah­men, auch wenn ein Gene­ral (wie er) ihr Büro betrat, nur sehr lang­sam die Füße vom Schreib­tisch. Wie die Alli­ier­ten über die plötz­lich mit ihnen ver­bün­de­ten Deut­schen dach­ten, die zuvor in Hit­lers Armeen gegen sie gekämpft hat­ten, wer­den sie für sich behal­ten haben. 

Die ein­zige Mög­lich­keit, Preu­ßen als Teil der deut­schen Geschichte wie­der ins Gedächt­nis zu rufen, besteht darin, diese Geschichte neu zu schrei­ben; aber dies­mal vom Volk aus gese­hen, was nicht das Glei­che ist wie „von unten“. Das auto­kra­ti­sche, mili­ta­ri­sti­sche Preu­ßen kannte in der Tat (fast) nur den kal­ten Blick „von oben“ auf den mehr oder weni­ger füg­sa­men Unter­tan. Lite­ra­tur, Phi­lo­so­phie und Geschichts­schrei­bung waren Ange­le­gen­heit der nach Höhe­rem stre­ben­den Stände. Ver­ständ­nis für das Lei­den derer „von unten“ fin­det man bei einem Ausnahme-​Preußen wie Ger­hard Johann David von Scharn­horst (1755 – 1813), der im Juli 1808 in der Königs­ber­ger Zeit­schrift „Volks­freund“ einen „Frei­heit des Rückens“ über­schrie­be­nen Arti­kel gegen die in der Armee übli­che Prü­gel­strafe ver­öf­fent­lichte, um auf „den Wider­spruch zwi­schen der Pro­kla­mie­rung des Sol­da­ten­stan­des als Stand der Ehre und den wür­de­lo­sen Kör­per­stra­fen im Heer“ zu ver­wei­sen. Preu­ßen war kein durch­or­ga­ni­sier­ter, auf Erobe­rung aus­ge­rich­te­ter Mili­tär­staat, son­dern eher ver­gleich­bar mit einer lai­zi­sti­schen Ordens­ge­mein­schaft. „Preu­ßisch“ war — anders als z.B. Bay­risch oder Säch­sisch — eine exklu­siv männ­li­che Iden­ti­tät, geprägt durch die Uni­form, ver­ei­digt auf den König. Ein Mann in Zivil, ein „Zivi­list“, gehörte in die zweite Reihe, es sei denn, er habe sich auch als Offi­zier bewährt. Man lese nur Theo­dor Fon­ta­nes (dem keine Nuance ent­geht) Beschrei­bun­gen der wil­hel­mi­ni­schen Gesell­schaft im Kai­ser­reich. Preu­ßisch war ein auf ver­bind­li­che Grund­sätze bau­en­des Lebens­ge­fühl. Die Wirt­schaft wächst aus die­sem Stand. xxx

Der Geburts­ort stat­tet einen nicht gleich mit einer Zuge­hö­rig­keit aus; es ist der Lebens­lauf. Meine Kin­der­um­ge­bung war frän­kisch. Bevor die Bun­des­wehr gegrün­det wurde, zogen meine Eltern nach Nürn­berg. An mei­nem Schul­weg lag der Justiz­pa­last, vor dem ich mich unge­fähr so gru­selte wie vor der „Eiser­nen Jung­frau“ im Stadt­mu­seum. In den 50er Jah­ren war Nürn­berg ein Ort der Trost­lo­sig­keit, durch den ich lange Wan­de­run­gen unter­nahm, von denen ich heute weiß, dass sie Flucht­cha­rak­ter hat­ten. als Schü­le­rin war ich m an einem nicht weni­ger histo­ri­schen Ort, in Nürn­berg. Als ich ins authen­tisch Preu­ßi­sche geriet: in Göt­tin­gen, Köln, Ber­lin, machte ich mit mei­ner Geschichte, die zunächst die Geschichte mei­ner Eltern war, die Erfah­rung eines dop­pel­ten Bodens; vie­les, was ich durch­aus nicht kannte, kam mir bekannt vor. Es gibt ein inne­res Urteil, das man mit sich her­um­trägt, das „passt“ (zu mir), „passt nicht“ (zu mir) ent­schei­det. Ich stelle heute fest, dass das Preu­ßi­sche häu­fi­ger zu mir passte als vie­les andere, und all­mäh­lich emp­fand ich es als Ver­lust, dass es kein Abglei­chen gab: Das „alte Preu­ßen“ ist ver­lo­ren. Meine Freunde waren in Bay­ern ver­wur­zelt, in Fran­ken, in Hes­sen, in Ber­lin; wenn sie „nach Hause“ fuh­ren, emp­fing sie dort ein Netz­werk von Erin­ne­run­gen und Ritua­len der Ver­wand­ten, Schul­ka­me­ra­den, Nach­barn. Wenn ich „nach Hause“ fuhr, war es das Haus, das meine Eltern sich in der Nähe der letz­ten Wir­kungs­stätte mei­nes Vaters im Sie­ger­land gebaut hat­ten, und wo wir nicht einen ein­zi­gen Nach­barn kann­ten. Zuhause war in mei­nem Fall: Eine Eigenheim-​Siedlung bei Sieg­burg. Hüter des Hau­ses in jeder Hin­sicht war der Hund mei­ner zuletzt ver­wit­we­ten Mut­ter, ein Pudel. Mein jün­ge­rer Bru­der lebte eine Zeit­lang in ihrer Nähe, nahm dann aber einen Job in der im Aus­ver­kauf begrif­fe­nen DDR an. Der Ältere war bereits „drü­ben“. Die Groß­el­tern sind im Frän­ki­schen begra­ben, die Eltern bei Sieg­burg. Das Grab pflegt eine Gärt­ne­rei. Den Ver­lust der „Hei­mat“ — schon immer ein emo­tio­nal auf­ge­la­de­nes Wort — kenn­zeich­net die Ver­ödung der Grabstätte. 

Was man tun kann, um Preu­ßen in der Geschichte fest­zu­hal­ten, ist: Die Geschichte von heute aus gese­hen neu zu schrei­ben. In einem bestimm­ten Moment (1813) hat in Preu­ßen das Volk die Initia­tive ergrif­fen und sei­nen allzu vor­sich­ti­gen König gezwun­gen, den Kampf gegen Napo­leon auf­zu­neh­men, und es hat sich – wie Bay­ern, wie Baden und Würt­tem­berg, wie Öster­reich, Por­tu­gal und Spa­nien – das Land zurück­er­obert, in dem es gelebt hatte und wei­ter leben wollte. Preu­ßen exi­stiert nicht mehr, aber die Nach­fah­ren der Men­schen, die dort gelebt haben, machen sich von ihm ein Bild. Geschichte ist Erin­ne­rung an Men­schen und an Orte.