Mein neuer Blick auf Preußen
Preußisch ist etwas, das sich nicht gehört, erfuhr ich als Kind; jedenfalls in Bayern. „Saupreiß!“ Ich konnte mit dem Schimpfwort nicht gemeint sein, denn ich bin in einer vorpreußischen, sogar vorbayerischen Landschaft aufgewachsen: im Fränkischen. In der Schule lernten wir, dass wir direkt von Karl dem Großen abstammten. Nur 800 Jahre dazwischen. Mein Spitzname auf der Straße war Pippin. Die Stadtmauer der Kleinstadt Kitzingen war, anders als die in den benachbarten Dörfern, nur noch teilweise intakt, doch die Erinnerung versah mich mit frühmittelalterlichen Bildern, die ich überall wiedererkannte und die vor allen anderen Eindrücken meine europäische Identität prägten. (Der „Saupreiß!“ ereignete sich ein halbes Jahrhundert später und galt dem „Atomkraft-nein-danke“-Aufkleber auf meinem in Norddeutschland registrierten VW. Aber das ist eine andere Geschichte).
Das Berlin, das ich in den 60er-Jahren kennenlernte, bestand aus den Kneipen, Kleingärten, Autobahnen und Wohntürmen Westberlins einerseits und dem mit roten Fahnen besteckten ehemals königlichen Regierungszentrum Ostberlins andererseits. Der Begriff „Preußen“ löste bei mir nichts aus. In meinem bayrischen Geschichtsunterricht war zwar der Name vorgekommen, als Füllwort für die Koalitionen gegen Napoleon, als Signum eines aufgelösten Deutschen Reiches, aber nicht als politische Macht, mit der man sich beschäftigen müsste. Preußen gab es nicht mehr. Es gab eine Bundesrepublik mit einer unansehnlichen Hauptstadt Bonn und, als Ziel von Klassenreisen, Westberlin inklusive Stippvisite im Osten. Die einem Arbeiter- und Bauernstaat unangemessene Prachtstraße Unter den Linden war es, deren Architektur mir eine Vorstellung der vergangenen preußischen Macht vermittelte. Wer die Treppe der Staatsbibliothek hinaufsteigt, ahnt die Unerreichbarkeit der Augenhöhe mit jenen, die sich in den Räumen dahinter bewegten: Kaiser, Könige und Hofschranzen.
Das Preußische prägte mich, ohne dass es in der Familie je beim Namen genannt wurde. In das fränkische Städtchen ließ mein Vater, als die Bombenangriffe auf München sich 1944 häuften, seine Familie ausquartieren; dort war sein Heimat-Fliegerhorst, während er in Berlin im Ministerium arbeitete. Wir waren keine fremdelnden Flüchtlinge, sondern gehörten zu einer integrierten Nachbarschaft von Müttern, Rentnern und kampfuntauglichen NS-Reservisten, vor allem nach dem Bombenangriff, der in unserer Straße am Stadtrand jedes zweite Haus getroffen hatte. Der Krieg grub dieses Bild in meine Erinnerung: Flugzeuge am blauen Himmel, aus denen silberne Pakete fielen. Den Schreckensschrei meiner Mutter: „In den Keller! In den Keller!“ habe ich noch heute im Ohr. Sie lief mit dem Baby voraus, unser Mädchen, die Ukrainerin Lena, hatte das Kleinkind an der Hand, ich folgte ihnen. Danach lag die gegenüberliegende Straßenhälfte in Trümmern und viele Kinder aus der Nachbarschaft blieben verschwunden. Da unsere Wohnung intakt geblieben war, stellte sich über das Kriegsende hinweg bald wieder so etwas wie Normalität ein. So viel Freiheit hatten wir nie zuvor: Im Gebüsch am Rand der Bombentrichter Räuber und Gendarm zu spielen; auf den Schuhabsätzen Trümmerschutthalden hinunterzurutschen; bei den amerikanischen Lastwagen herumzulungern, in der Hoffung, einen zugeworfenen Riegel Schokolade aufzufangen… Ich bin überzeugt, dass ich in dieser Zeit das Fränkische fehlerlos sprach, das meine Mutter mir später erbarmungslos abtrainierte. Heute weiß ich, dass ich mit dem Verlust der Kindersprache, verstärkt vom Verlust der Umgebung, heimatlos wurde: Flüchtling zweiten Grades. Die ostpreußische erste Heimat der Familie war mir verloren gegangen, ehe ich mir ihrer bewusst wurde. Das mainfränkische Kitzingen hätte der Ort sein können, von dem aus ich unbeschädigt ins Leben hätte starten können; es gab dort ein Gymnasium, und studieren konnte man im nahen Würzburg. Mein Vater machte es vor; er erwarb als Pendler einen Abschluss als Bauingenieur. Dem häuslichen Terror, der das Familienleben vergiftete, hätte die zivilisierte Umgebung Grenzen gesetzt; er entfaltete sich erst richtig in Nürnberg, wo mein Vater die Vertretung einer Firma für Sheddächer aufzubauen begann. Wir fanden eine Wohnung in Gostenhof, unweit des Justizpalastes, in dem kurz zuvor die Nürnberger Prozesse abgewickelt worden waren. In die kleine fränkische Stadt kehrte ich nach unserem Umzug nach Nürnberg eine Zeitlang in meinen Träumen zurück. Sie versetzten mich in ihre Gassen, an das Mainufer, auf die Stufen des Kiliansbrunnens, unter die Hollunderbüsche im Deuster-Park. Ein paarmal fuhren wir im VW dorthin, zumal meine Großeltern mütterlicherseits nach ihrer Flucht zu uns gekommen und in Kitzingen geblieben waren. xxx
Nürnberg lag zwar in Franken, aber das Preußische der Lebensart meiner Eltern konnte sich dort besser entfalten als im weinstockgesäumten Maintal. Nürnbergs preußische Suggestivkraft drängte sich mir auf, als ich im Geschichtsunterricht zur Kenntnis nahm, dass der Nürnberger Burggraf Friedrich von Hohenzollern als einer der sieben Kurfürsten zu Anfang des 15. Jahrhunderts von Kaiser Sigismund für die Unterstützung seiner Kandidatur mit der Mark Br andenburg belohnthäaueuslichen worden ist und sich auf sein Geschäft als Landesfürst noch in Nürnberg vorbereitete, wo er ein Registraturbuch in folio auf Papier anlegte, in welchem alle Urkunden, die er ausstellte bzw. erhielt, eingetragen wurden. Diese Registratur- oder wie sie genannt wurden, Copialbücher decken das ganze fünfzehnte Jahrhundert ab und bilden die wichtigste Geschichtsquelle dieser Zeit. Sie befinden sich jetzt im Geheimen Staatsarchiv in Berlin: „Lehnbriefe, Privilegien, doch auch Verträge mit anderen Landesherrn, Bündnisse, Ehepacten, kaiserliche Begnadigungen, Verpfändungen von Schlössern usw.; jedes Buch umfaßt meistentheils nur eine Provinz… und sie begleiteten die Churfürsten auf Reisen in diese Provinzen, z.B. bei Einnahme der Huldigung“. FN1 Geschichte des geheimen Staats- und Cabinets-Archivs zu Berlin. ///xxx
Nürnberg Die Politik der amerikanischen Besatzer war nicht auf die Bestrafung der Zivilbevölkerung ausgerichtet, die vielmehr umerzogen werden sollte, während in Nürnberg die Prozesse gegen die Nazi-Repräsentanten liefen. Auffällig war für uns Kinder die Geheimnistuerei der Mütter, das Radio blieb ausgeschaltet, wenn wir anwesend waren, oft verstummten die Frauen und legten die Finger auf den Mund, aber außer dass überall Jeeps und amerikanische Militärlastwagen herumstanden und fremde Soldaten herumlungerten, hatte sich unsere Umgebung kaum geändert.rein äußerlich nicht viel geändert Regimevertreter richtete sich nicht gegen die Zivilb ng, Härten, die Unter den Toten mehreren Stockwerken, in dem Nachbarn von Nur mein Hochdeutsch bewirkte, dass meine Spielkameraden einen Moment zögerten, bevor sie mir antworteten. Nach, dort der Fliegerhorst Schulhof-Händel haben meist das Format „mehrere gegen eine(n)“. Glücklicherweise fanden sich Verthorst eidiger, als ein verschworenes Grüppchen mich aufs Korn nahm; eine Demütigung durch Mitschüler blieb mir erspart. Ich fand sogar einen Weg, Sympathien zu erwerben, indem ich beim weihnachtlichen Krippenspiel aktiv wurde. Im protestantischen Franken kämpfte der Katholizismus mit seinen Ritualen gegen die Diaspora, wofür ich bis heute dankbar bin, denn meine eindrucksvollsten Erinnerungsbildar jener Zeit sind mit der Weihnachtskrippe in der katholischen Kirche und der Fronleichnamsprozession verbunden, von deren vier Stationen eine ganz in der Nähe unserer Wohnung lag. Die Pfingstrosen, die ich beim Abbau des Altars mit nach Hause nehmen durfte, haben meiner Mutter nicht gefallen, weil sie strenger rochen als Rosen und sich durch bizarre Blattentfaltung tagelang gegen das Verwelken wehrten, vor allem aber, vermute ich, weil sie katholischer Herkunft waren. In den preußischen Köpfen war der Dreißigjährige Krieg noch lange nicht vorbei.
Meine bayerischen Mitschülerinnen hatten für das, was mich von ihnen unterschied, keinen Begriff; und da ich nur eine von mreren Zugezogenen war, denen ich mich fügte. Meine Großeltern mütterlicherseits begriffen sich als Untertanen eines Kaisers, für den mein Großvater in den Ersten Weltkrieg gezogen war. Ich lernte sie als „Flüchtlinge“ kennen, die sich nach 1945 in der fränkischen Kleinstadt einstellten, wo meine Mutter mit ihren drei Kindern den finalen Bombenangriff überlebt hatte. Die Verwenandtschaft väterlicherseits, die 1944 unter Zurücklassung von Hab und Gut aus Westpreußen über D indem änemark nach Schleswig-Holstein geflohen war, lernte ich nicht kennen; sie „meldeten“ sich zwar bei uns, aber meine Eltern beließen es beim Postkartenkontakt. Meist trifft die erweiterte Familie bei einer Beerdigung zusammen; nicht so bei uns. Hingegen lebten Großmutter und Großvater mütterlicherseits eine Zeitlang bei uns. An der Trauer meiner Großmutter Auguste nahm ich Anteil, wenn sie mich in das Nebenzimmer des Wirtshauses mitnahm, wo ihre Landsleute sich versammelten und „Land der dunklen Wälder sangen“; das war etwas zum Weinen und prägte sich mir ein. Ich habe immer mehr erfühlt als verstanden. Dass Tote aus dem Leben verschwundene Menschen waren, die ich nie wiedersehen würde, zum Beispiel meine Großeltern väterlicherseits, begriff ich. Ich war zu jung, um darüber nachzudenken, warum die Verwandtschaft meines Vaters — selbständige Bauern im Ordensland, ls soziale Aufsteiger unauslösbar steckten. Sie waren beide zielstrebig. Meine Mutter hatte Geld gespart; Münzentürmchen wuchsen ausauern dem Boden des Kleiderschrankes, mit deren Hilfe mein Vater, nach Absolvierung einer Maurerlehre, im nahen Würzburg ein Studium als Bauingenieur abschloss. In Nürnberg, wohin wir anschließend zogen, baute er sich eine Vertretung für Sheddächer auf, die so gut lief, dass meine Mutter sich eine Isetta kaufen konnte. Ich weiß nicht, wer von beiden den Entschluss meines Vaters, sich für die Bundeswehr zu bewerben, stärker vorantrieb. meine, er fühlte sich auch al s Zivilist . steckeer die Spurenseiner frühen mie ilitärischen Karriere Mein Großvater mein Cousin und Spielkamerad war aber lange her und weit weg. Nach dem Tod meines Vaters 1980 besuchten meine Mutter, meine Brüder und ich den ehemaligen Hof der Familie im Danziger Werder, der seit 1944 von eingewanderten russischen Bauern bewirtschaftet wird. Ich erkannte das eiserne Tor wieder, unter dem ich auf dem Bauch kriechend mit dem Cousin in die Freiheit der Felder entwischte, doch eine Verbindung zwischen „Preußen“ und meiner eigenen Geschichte stellte sich nicht her. Im KZ Stutthof holte meine Mutter die Schuld ein, die sie bisher verdrängt hatte; sie sagte plötzlich, sie schäme sich. Man musste meine Mutter kennen, ihre kalte Distanz, um dieses Bekenntnis zu würdigen. Wir schwiegen. Offenbar waren meine Brüder ebenso beeindruckt wie ich. Auf dem Dorffriedhof suchte ich die Gräber mit unseren Namen, und welches das älteste war. Da fiel mir auch das Land wieder ein, aus dem wir kamen: Preußen.
Meine späte preußische „Erleuchtung“ erfolgte in einem anderen Zusammenhang, von dem man sagen kann, dass der ephemere sozialistische Staat auf deutschem Boden ihn zu benutzen versucht hat, indem er die Befreiungskriege für die eigene Geschichtsschreibung verwertete, und sie so meinem Interesse entzog. Ich war aktive 68er-Generation und hatte den Holocaustschock verwandelt in Hass auf „autoritäre Strukturen“, insbesondere alles, was Uniform trug: Militär, Polizei. Ich studierte die Geschichte des Volksaufstandes gegen Napoleon erst Jahre nach der Wiedervereinigung und empfand es als historisch unangemessen und politisch ungerecht, dass 1947 ein ganzer Staat, mit Millionen von Einwohnern, samt seinem Namen und seiner Geschichte von der Landkarte gestrichen wurde, weil man das Staatsvolk für die Verbrechen der Nazi-Clique haftbar machte, die ihre Macht totalitär begriff und rücksichtslos auch nach innen durchsetzte. Das feudalstaatliche Territorium Preußen weckte nach der Niederlage Begehrlichkeiten, die als politica maskiert wurden. Die rechtlichen Folgen der Kollektivhaftung sind irreversibel; das heißt, eventuelle Rückgabeansprüche können nicht geltend gemacht werden. Das ist fast die Regel. Überall in der Welt behalten die Eroberer, was sie erobert haben, sonst gäbe es noch mehr Kriege. Von dem Boden, den meine Vorfahren besiedelt haben, waren Jahrhunderte zuvor nicht weniger grausam die Pruzzen vertrieben worden. Und es dachte auch niemand in meiner Familie daran, eine Rückgabe zu fordern oder gar die Wiederherstellung der alten Reichsgrenzen zu verlangen. Geschichte schafft Tatsachen. Mein Vater brachte sein Preußentum, das seine Militärkarriere getriggert hatte, erst in die Bundeswehr, dann in die NATO ein. Was den Preußen in ihm an den amerikanischen Kameraden in Fontainebleau irritierte, war deren Formlosigkeit. Sie nahmen, auch wenn ein General (wie er) ihr Büro betrat, nur sehr langsam die Füße vom Schreibtisch. Wie die Alliierten über die plötzlich mit ihnen verbündeten Deutschen dachten, die zuvor in Hitlers Armeen gegen sie gekämpft hatten, werden sie für sich behalten haben.
Die einzige Möglichkeit, Preußen als Teil der deutschen Geschichte wieder ins Gedächtnis zu rufen, besteht darin, diese Geschichte neu zu schreiben; aber diesmal vom Volk aus gesehen, was nicht das Gleiche ist wie „von unten“. Das autokratische, militaristische Preußen kannte in der Tat (fast) nur den kalten Blick „von oben“ auf den mehr oder weniger fügsamen Untertan. Literatur, Philosophie und Geschichtsschreibung waren Angelegenheit der nach Höherem strebenden Stände. Verständnis für das Leiden derer „von unten“ findet man bei einem Ausnahme-Preußen wie Gerhard Johann David von Scharnhorst (1755 – 1813), der im Juli 1808 in der Königsberger Zeitschrift „Volksfreund“ einen „Freiheit des Rückens“ überschriebenen Artikel gegen die in der Armee übliche Prügelstrafe veröffentlichte, um auf „den Widerspruch zwischen der Proklamierung des Soldatenstandes als Stand der Ehre und den würdelosen Körperstrafen im Heer“ zu verweisen. Preußen war kein durchorganisierter, auf Eroberung ausgerichteter Militärstaat, sondern eher vergleichbar mit einer laizistischen Ordensgemeinschaft. „Preußisch“ war — anders als z.B. Bayrisch oder Sächsisch — eine exklusiv männliche Identität, geprägt durch die Uniform, vereidigt auf den König. Ein Mann in Zivil, ein „Zivilist“, gehörte in die zweite Reihe, es sei denn, er habe sich auch als Offizier bewährt. Man lese nur Theodor Fontanes (dem keine Nuance entgeht) Beschreibungen der wilhelminischen Gesellschaft im Kaiserreich. Preußisch war ein auf verbindliche Grundsätze bauendes Lebensgefühl. Die Wirtschaft wächst aus diesem Stand. xxx
Der Geburtsort stattet einen nicht gleich mit einer Zugehörigkeit aus; es ist der Lebenslauf. Meine Kinderumgebung war fränkisch. Bevor die Bundeswehr gegründet wurde, zogen meine Eltern nach Nürnberg. An meinem Schulweg lag der Justizpalast, vor dem ich mich ungefähr so gruselte wie vor der „Eisernen Jungfrau“ im Stadtmuseum. In den 50er Jahren war Nürnberg ein Ort der Trostlosigkeit, durch den ich lange Wanderungen unternahm, von denen ich heute weiß, dass sie Fluchtcharakter hatten. als Schülerin war ich m an einem nicht weniger historischen Ort, in Nürnberg. Als ich ins authentisch Preußische geriet: in Göttingen, Köln, Berlin, machte ich mit meiner Geschichte, die zunächst die Geschichte meiner Eltern war, die Erfahrung eines doppelten Bodens; vieles, was ich durchaus nicht kannte, kam mir bekannt vor. Es gibt ein inneres Urteil, das man mit sich herumträgt, das „passt“ (zu mir), „passt nicht“ (zu mir) entscheidet. Ich stelle heute fest, dass das Preußische häufiger zu mir passte als vieles andere, und allmählich empfand ich es als Verlust, dass es kein Abgleichen gab: Das „alte Preußen“ ist verloren. Meine Freunde waren in Bayern verwurzelt, in Franken, in Hessen, in Berlin; wenn sie „nach Hause“ fuhren, empfing sie dort ein Netzwerk von Erinnerungen und Ritualen der Verwandten, Schulkameraden, Nachbarn. Wenn ich „nach Hause“ fuhr, war es das Haus, das meine Eltern sich in der Nähe der letzten Wirkungsstätte meines Vaters im Siegerland gebaut hatten, und wo wir nicht einen einzigen Nachbarn kannten. Zuhause war in meinem Fall: Eine Eigenheim-Siedlung bei Siegburg. Hüter des Hauses in jeder Hinsicht war der Hund meiner zuletzt verwitweten Mutter, ein Pudel. Mein jüngerer Bruder lebte eine Zeitlang in ihrer Nähe, nahm dann aber einen Job in der im Ausverkauf begriffenen DDR an. Der Ältere war bereits „drüben“. Die Großeltern sind im Fränkischen begraben, die Eltern bei Siegburg. Das Grab pflegt eine Gärtnerei. Den Verlust der „Heimat“ — schon immer ein emotional aufgeladenes Wort — kennzeichnet die Verödung der Grabstätte.
Was man tun kann, um Preußen in der Geschichte festzuhalten, ist: Die Geschichte von heute aus gesehen neu zu schreiben. In einem bestimmten Moment (1813) hat in Preußen das Volk die Initiative ergriffen und seinen allzu vorsichtigen König gezwungen, den Kampf gegen Napoleon aufzunehmen, und es hat sich – wie Bayern, wie Baden und Württemberg, wie Österreich, Portugal und Spanien – das Land zurückerobert, in dem es gelebt hatte und weiter leben wollte. Preußen existiert nicht mehr, aber die Nachfahren der Menschen, die dort gelebt haben, machen sich von ihm ein Bild. Geschichte ist Erinnerung an Menschen und an Orte.